Bordkiosk Surprise
Individuelle Krisenvorsorge, Jenny Schäfer, 2018
Felix Thiele
Aleen Solari
Hausmeisterei Cage & Cave
Boardkiosk Surprise 11.07.-29.08.2018
Individuelle Krisenvorsorge, Jenny Schäfer, 2018
Felix Thiele
Aleen Solari
Hausmeisterei Cage & Cave
Boardkiosk Surprise 11.07.-29.08.2018

Sechs künstlerische Interventionen auf dem Achterdeck der Seute Deern Care-Pakete und Hafen-Tattoos, Musik, Flaggen und Cocktails, Whatsapp-Theater und Hausmeisterservice: An sechs Sommerabenden im Juli und August 2018 bespielten Hamburger KünstlerInnen den Bordkiosk der Seute Deern im Traditionsschiffhafen der HafenCity.

Ein Projekt von Raphael Dillhof und Nina Lucia Groß

Schon durch seine räumlichen Eigenschaften – exponiert gelegen und als Verkehrsmittel dennoch fluide, mobil und flüchtig – eignet sich das ehemalige Seebäderschiff ideal als Ort für Experimente über das urbane Leben und für Eingriffe in das neu geschaffene Viertel. Durch ein performatives, niederschwelliges Programm entstand am Achterdeck des Schiffes ein temporärer Begegnungsort für alle Interessierten. Was braucht die HafenCity? Wem gehört die Stadt? Wie fördern wir Austausch zwischen AnwohnerInnen und kulturellen AkteurInnen Hamburgs? Von diesen Fragen ging das Projekt aus, das den Traditionsschiffhafen als Ort für Tausch, Gespräche und beiläufige Begegnungen nutzte.

Im Mittelpunkt des Eröffnungsabends standen schrille Keramikaschenbecher und Spezi-Kombinationen aus verschiedenen Cola- und Orangenlimo-Sorten. Aktivitäten wie Trinken, Rauchen oder Networken – die sonst bei Vernissagen selbstverständlichen „Nebensachen“ – wurden künstlerisch ins Absurde, Anarchistische gewendet: Zitat der vielfach verteufelten „Eventisierung“ von Kulturveranstaltungen einerseits, Einladung zu Gespräch und nichtkommerzieller Ausgelassenheit andererseits. Und, als frei zugängliche Partysituation, ein idealer Prolog für das folgende Programm!

Die Abende setzten sich auf vielfältige Weise mit dem Ort und dem Format des Austauschs, der interaktiven Begegnung auseinander: Rosanna Graf lud die Gäste zu einer intimen Tarot-Session ein, bei der diese zwischen den Themen „Geld“ und „Liebe“ wählen mussten. Anschließend wurden sie mit einem Zaubertrank und einem am Computer gezeichneten Aura-Porträt wieder in die Realität entlassen. Tabea Venrath und Elisa Schmitt nutzten das Schiff als Schauplatz eines performativen Kreuzfahrt-Theaterstücks samt Whatsapp-Begleitung, während Paula Erstmann Lachs- und Kaviarhäppchen reichte. Die Hausmeister Cage & Cave veranstalteten Angelnachmittage, hielten an Bord Stammtische ab und führten Fachgespräche mit freier Themenwahl. Jenny Schäfer bot mit einer Packung „Heiße Tasse“, Vampirzähnen und einigen Kopfschmerztabletten gefüllte Überlebensstarterpakete an, die die Sinnhaftigkeit von Katastrophenalarmismus infrage stellten. Am letzten Abend schließlich verwandelte Franziska Nast den Kiosk mit Tattoos von eigens für diesen Abend entworfenen Knoten in eine echte Hafen-Tattoo-Stube. Am Tresen der Bar Harburg wurde zu hanseatischen Cocktails zudem eine Berufsberatung für den zweiten Bildungsweg angeboten, während Axel Loytved das Achterdeck mit Hunderten Miniaturskulpturen aus Beton und PET-Flaschen in ein bizarres Stadtmodell verwandelte – und damit zum Ausdruck brachte, was Stadtviertel, ob neu gebaut oder gewachsen, ohne solche künstlerischen Projekte wären: bloß kalte, graue Blöcke.

Raphael Dillhof (* 1986 in Wien) ist Kunsthistoriker, Kritiker, Kunstjournalist und Redakteur, unter anderem für das Kunstmagazin art.

Nina Lucia Groß (* 1990 in Salzburg) ist Doktorandin der Kunstgeschichte, Autorin und Projektkoordinatorin der Reihe Track Academy im Kunstverein Harburger Bahnhof.

Raphael Dillhof und Nina Lucia Groß gründeten 2015 den Kunstverein PLAN – Raum für Kunst e. V. und organisierten in den letzten Jahren in Hamburg zahlreiche Ausstellungen an wechselnden Orten (unter anderem im Golden Pudel Club, Westwerk, 2025 e. V.) mit internationalen KünstlerInnen.

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Datum 11. Juli 2018 - 29. August 2018
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